Fatma Aydemirs „Ellbogen“: Ein Buch wie ein Faustschlag (RHP)

Die Rheinpfalz, 11. Februar 2017

Bloß kein Opfer sein – Fatma Aydemirs  schonungsloses Debüt „Ellbogen“ über die Suche nach einer selbstbestimmten Identität.

Ein Roman wie ein Faustschlag ins Gesicht: Fatma Aydemir lässt in ihrem starken Erstlingswerk eine junge Deutschtürkin ein unbegreifliches Verbrechen begehen. Simple Erklärungen sucht man in „Ellbogen“ vergebens, was bleibt, ist der  schmerzhafte Blick auf ein Leben zwischen allen Stühlen.

Maxim Biller dürfte sich bei der Lektüre von „Ellbogen“ endlich erhört fühlen. Der streitbare Autor hatte vor ein paar Jahren in der „Zeit“ den deutschen Schriftstellern mit Migrationshintergrund sinngemäß vorgeworfen, ihre Wurzeln zu verleugnen. Stattdessen würden sie bürgerliche Wohlfühlliteratur in bester deutscher Tradition verfassen. Er vermisste  eine eigene Stimme der Migranten. Eine, die die Dinge beim Namen nennt. Biller wurde heftig kritisiert. Auch, weil seine  Forderung  die Gefahr des positiven Rassismus’ birgt: als ob Migranten kein „normales“ bürgerliches Leben führen könnten. Als ob Literatur von Einwanderern nicht wahrhaftig und authentisch sein könnte, wenn darin nicht Gewalt, Armut und  Fundamentalismus vorkommen.

Aber Biller hat auch einen Nerv getroffen. Man hat bisher nicht wirklich viel von den Menschen gelesen, die in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben.  Und gerade in jüngster Zeit waren vor allem Flüchtlinge gemeint, wenn es hierzulande um Migranten ging. Nur all die anderen, die sich seit Jahren vor allem in den Großstädten eine Existenz aufgebaut haben, die Sprache sprechen, arbeiten und Geld verdienen, all diejenigen, die in ihrer alten Heimat schon längst selbst als Ausländer gelten – was ist mit denen? Was bedeutet Deutschsein für diese Menschen?

Hazal Akgündüz, die Protagonistin aus Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“,  ist 18 und lebt mit ihrer Familie im Berliner Stadtteil Wedding. Der Vater fährt tagsüber Taxi und verzieht sich danach sofort ins Café zu den anderen Männern, wo sie Tee trinken und Fußball schauen. Wenn er schwermütig wird, dann erzählt er von seiner Jugend am Schwarzen Meer, ansonsten schweigt er viel und schlägt auch mal zu, wenn die Tochter zu aufmüpfig wird. Die Mutter sitzt apathisch auf dem Sofa und beschäftigt sich hauptsächlich mit ihrem Smartphone und türkischen Fernseh-Schmonzetten.

Hazal aber spürt, dass da mehr sein muss im Leben. Sie will nicht „das brave türkische Mädchen spielen und irgendwann den Sohn eines beschissenen Nachbarn heiraten“. Nur, wie das gehen soll, das weiß sie nicht. Erfolg, Karriere, Glück – all das wirkt wie ein festgeschriebenes Privileg der „Kartoffeln“, der biodeutschen Gymnasiasten, von denen Hazal und ihre Freundinnen ein unsichtbarer Vorhang zu trennen scheint. Sie jobbt währenddessen in der Bäckerei ihres Onkels und schlurft halbherzig durch eine berufsvorbereitende Maßnahme. Auf ihre Bewerbungen hagelt es schließlich sowieso nur eine Absage nach der anderen.

Man sollte sich nicht täuschen lassen: Fatma Aydemir, die 1986 in Karlsruhe geboren wurde und mittlerweile in Berlin lebt, hat  keinen sozialromantischen Entwicklungsroman mit erhobenem Zeigefinger geschrieben. Hazal ist nicht das bedauernswerte Opfer der Gesellschaft und auch nicht die stereotype Muslimin. Sie ist eine junge Frau, die das Glück sucht und es nicht findet. Weil sie zwischen zwei Welten umher irrt, die ihr beide nicht wirklich offen stehen. Und weil die Lebensumstände nun mal den Menschen prägen. Das soziale Milieu hängt ihr auch in der vermeintlichen Aufstiegsgesellschaft wie eine Kanonenkugel am Fußgelenk. Selten hat das jemand so authentisch, schonungslos und knallhart aufgeschrieben wie Aydemir.

Hazal spürt das auch. Und sie ist wütend. „Sie sehen uns nur, wenn wir Scheiße bauen, dann sind sie plötzlich neugierig.“ Und ja, in einer tragischen Nacht wird auch Hazal in dem unbewussten Bemühen, wahrgenommen zu werden, ziemlich große Scheiße bauen. Auf eine für den Leser beinahe unerträgliche Weise. Weil man Zeuge wird, wie sich irgendwie verständliche aber eigentlich vermeidbare Wut in sinnlose und kaltblütige Gewalt verwandelt. Ob das schließlich ein Akt der Befreiung oder der Freiheitsberaubung für Hazal sein wird, das weiß auch Fatma Aydemir nicht. „Meine Fragen sind nicht weniger geworden“, schreibt sie in ihrer Danksagung.

„Ellbogen“ ist mit Sicherheit keine Wohlfühlliteratur – dieses Buch schreit den Leser förmlich an. Aydemir porträtiert die Welt im Berliner Problemkiez ohne peinlich konstruierten Jugendslang oder politisch korrekte Klischees. Ihr Ton ist  rau und oft aggressiv, ihr Blick auf die Welt der jungen Deutschtürkinnen scharfsinnig und genau. Wenn Hazal und ihre Freundinnen mal wieder zwei blonde Studentinnen einschüchtern,  geschieht das zwar aus einem Gefühl der existenziellen Unsicherheit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft heraus. Es macht ihnen aber auch einfach Spaß. Denn eines wollen sie  auf keinen Fall sein:  Opfer.

„Ellbogen“ ist ein Buch, über das man reden wird. Und über das man reden muss. Die „taz“-Journalistin Aydemir hat einer Realität von Einwandererkinder in Deutschland endlich eine Stimme gegeben, die sonst  kaum Gehör findet. Sie zeigt, wie die Bereitschaft zu eigentlich unvorstellbarer Gewalt wachsen kann. Und wie banal manchmal die Beweggründe für ein unbegreifliches Verbrechen sein können. Eine Wucht von einem Buch.

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