Fifa: Gier, Geld und Macht (RaS)

Rheinpfalz am Sonntag, 15. Januar 2017

Das höchste Gut des Fußballs sind seine Zuschauer. Dieses Gut setzt  der Weltverband Fifa immer wieder aufs Spiel, diesmal  durch die Vergrößerung der  WM ab 2026. Aber kann man die Magie des  Spiels wirklich zerstören?

Eigentlich ist  der Scheich Favorit an jenem 26. Februar 2016.  Salman bin Ibrahim Al Chalifa ist der designierte Nachfolger des skandalumwitterten und gesperrten Joseph „Sepp“ Blatter an der Spitze des Fußball-Weltverbands Fifa. An ihm führt kein Weg vorbei.  Und vielleicht wäre es gut gewesen, wenn der Scheich  an diesem Tag in Zürich tatsächlich gewonnen hätte. Mit einem umstrittenen Bahraini als Präsidenten, der in seinem Land die Menschenrechte missachtet,  wäre die Maske der Fifa wohl endgültig gefallen.

Stattdessen siegt mit Gianni Infantino, dem  Not-Kandidaten der Uefa,  die leise Hoffnung auf Veränderung,  auf einen kleinen Neuanfang im korruptionsverseuchten Weltfußball. Gegen die „Geschenke“ des Schweizers, mehr  Teilnehmer bei der Weltmeisterschaft und ein doppelt so großer Etat an Entwicklungshilfe, hat auch der einflussreiche Scheich   keine Chance.  Infantino agiert nun in der Tradition seiner   Vorgänger.  Reformen, mehr Transparenz, mehr Ethik und Verantwortungsbewusstsein werden  gepriesen,    tatsächlich geht es bei der Fifa seither aber weiter wie bisher – hinter verschlossenen Türen  zählen Macht und  Geld, die Entwicklung geht vorbei an der Basis, vorbei an den Zuschauern.

Sie sind das höchste Gut des Fußballs, fühlen sich aber immer weniger ernst genommen. Schon 2006, bei der WM in Deutschland, jenem „Sommermärchen“,  das  Blatter später als bestes Turnier aller Zeiten bezeichnet, pfeifen sie den Fifa-Boss bei jedem Spiel aus. Es ist ein Aufschrei gegen den  zunehmenden Kommerz im Fußball,  beim Finale traut sich Blatter nicht einmal mehr auf den Rasen. Es war eine Demütigung durch das Publikum, sagt der  Fifa-kritische Journalist Thomas Kistner. Die Zuschauer sind für ihn jene Menschen, „die nicht Geschäft, Macht oder Selbsterhöhung mit dem Fußball verbinden, sondern Freude, Lust, Vergnügen“.

Aber weil sie für ihr Geld genau diese Freude  erleben möchten, sprechen die Zuschauer nach dem Finale nicht über die Schmach für Drückeberger Blatter, sondern über Zinédine Zidane und den Kopfstoß von Berlin. Das ist die Geschichte des Endspiels. Emotionen bewegen die Massen, das Unvorhersehbare in all seinen Facetten ist das Faszinierende am Fußball.  Das Wembley-Tor  von 1966 liefert noch 50 Jahre später Stoff für Diskussionen, der EM-Titel Griechenlands 2004 begeistert die Menschen, der englische Meistertitel von Leicester City 2016 ist ein modernes Fußballmärchen. Und einst gewann  der 1. FC Kaiserslautern die deutsche Meisterschaft! Als Aufsteiger! Unerreicht! Das Unerwartete, das  Unberechenbare ist das  sinnstiftende Element im Stadion und vor dem Fernseher –  Affären der Funktionäre bleiben  Nebensache. Und deshalb können sie in ihrem Schattenreich machen, was sie wollen.

An dieser Magie des Fußballs, an der  Dramaturgie des Spiels hat die Fifa offenbar kein Interesse. Für sie ist es ein Geschäft. Der Weltverband besitzt die WM als Produkt – der Zuschauer kommt nicht an ihm  vorbei, wenn er das werbeträchtigste Spektakel der Welt sehen möchte.  Und die Fifa weiß, dass die Geldgeber nicht abspringen werden, solange die Stadien ausverkauft sind. Und selbst wenn, Sponsoren sind ersetzbar.  Deshalb wollen es sich die wenigsten mit der Fifa als Geschäftspartnerin verscherzen.

Durch ihre Skandale nimmt die Fifa natürlich Schaden, aber grundlegende Änderungen bleiben aus.  Das   Günstlings- und Schneeballsystem, das Regent  Blatter in Jahrzehnten errichtet hat, ist aufgeflogen. Die fragwürdige Doppelvergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 nach Russland und Katar wird aufgearbeitet, die Winter-WM im Wüstenstaat kommt dennoch. Missachtung von Menschenrechten beim Bau der Stadien? Das alles löst kurze Momente der Empörung und Irritation in der Öffentlichkeit aus – mehr nicht.  Wirkliche Konsequenzen gibt es nicht. Und obwohl dem Publikum immer wieder eine besondere Feinfühligkeit  nachgesagt wird, dreht sich das Rad immer weiter.  Die Fifa spielt mit ihrem größten Gut. Nur: Wie lange noch?

Im Sommer 2026 ist der Spielplan der Fußball-Weltmeisterschaft zum Ausschneiden nicht mehr nur ein Falt-Blatt für die Hosentasche oder ein Wand-Poster. Er ist dann eine Foto-Tapete. 48 Mannschaften in 16 Dreiergruppen, Deutschland in Gruppe O, das ist dann möglich.  Eine zusätzliche K.-o.-Runde, Sechzehntelfinale genannt. Statt 64 Spielen stehen am Ende 80 Partien. Gianni Infantino machte am Dienstag wahr, was er seinen Wählern, vor allem den Fifa-Delegierten aus Afrika und Asien, vor knapp einem Jahr versprochen hatte.

Eine Aufstockung des WM-Teilnehmerfeldes ist ein beliebtes Mittel zum Stimmenfang. Vielleicht sogar das beste.  1974, als sich João Havelange zum Präsidenten des Weltverbands aufschwang, entschied er, den Weltmeister unter 24 statt 16 Nationen zu suchen.  Blatter erweiterte das Turnier auf 32 Teams. So schaffte er es, seinen Förderer Havelange aus dem Amt zu drängen.  Nun steht Infantino an der Spitze –  seine Worte klingen ziemlich bekannt: „Wir wollen das Fußballfieber in mehr Ländern schüren.“

Es war eine der Ideen, als die Fifa im Mai 1904  in Paris gegründet wurde, dass der Fußball die Menschen und Nationen auf der ganzen Welt verbinden und die Verständigung zwischen den Völkern fördern würde. Heute ist dieser fromme Wunsch offenbar mehr denn je zum Blendwerk geworden, das vor allem einem Zwecke dient – der Machterhaltung. Wer wollte solchen wohlklingenden Worten, der Fußball gehöre jedem auf dem Planeten, ernsthaft widersprechen?  Belege für die Wirksamkeit des Fußballs als Entwicklungshelfer gibt es aber keine. Weder hat die WM 2010 in Südafrika dem Land einen nachhaltigen Schub verpasst, noch wurden nach dem Gastspiel von Trinidad 2006 dort  nennenswerte Wellen der Fußballbegeisterung registriert. Von langfristigen Effekten ganz zu schweigen. Ob es solche nach   der 48er-WM 2026 gibt, wird sich wohl erst nach der Ära  Infantino zeigen, die laut Fifa-Regelwerk maximal bis 2028 dauern kann.

Natürlich können sogenannte Exoten  ein Turnier bereichern. Sportlich litt die Europameisterschaft in Frankreich vergangenen Sommer, aber die Stimmung war oft top. Verantwortlich dafür waren Isländer, Nordiren, Waliser. Jene Nationen, die von den zusätzlichen Startplätzen profitierten. Kulturell könnte auch eine Weltmeisterschaft durch Neulinge bereichert werden, aber meist sind  fußballerische Entwicklungsländer kaum mehr als Kanonenfutter. Um Chancengleichheit oder Gerechtigkeit geht es nicht. Es geht um Geld und Macht – und die Gier nach mehr von beidem.

Warum nennt Infantino nicht einfach das Kind beim Namen? Für die Fifa ist die Aufstockung  ein guter Deal. Dagegen ist nichts einzuwenden. Der Fußball ist ein Milliardengeschäft. Vereine sind Wirtschaftsunternehmen, die Elite des europäischen Klubfußballs, die Bayern oder Dortmund etwa,  vertritt mit ihrer Fifa-Kritik ebenfalls wirtschaftliche Interessen.

Der Verband  kann mit der Aufstockung der WM rund eine Milliarde Dollar mehr verdienen, vieles von diesem Geld fließt  an die Vereine,  die Spieler abstellen.  Warum also  müssen  die krisengeschüttelten Menschen in Mali als angebliche Nutznießer herhalten, um das Durchsetzen der eigenen Interessen zu rechtfertigen?

Die Zuschauer sind die einzigen, die Einfluss nehmen könnten. Aber was bewirken Pfeifkonzerte schon? Ist das Wettern gegen Funktionäre und Kommerzialisierung vielleicht nicht einfach Teil des Spektakels? Hier der malochende kleine Mann auf der Tribüne, da die gierigen Funktionäre – und mittendrin die 22 Helden? Würden die Entwicklungen die Fans wirklich stören,  müssten sie konsequent die Reißleine ziehen und sich anderen Dingen zuwenden.

Sicher, es gibt sie, diese kleinen radikalen Gegenbewegungen. In Italien, dem Heimatland der Ultra-Kultur,  bleiben die Tifosi den Stadien größtenteils fern. In England sitzen  Touristen  auf den Rängen,  die wahren Fußballenthusiasten vergnügen sich beim unterklassigen Sonntagskick auf grünbraunen Äckern. Oder sie gründen wie einige Fans von Manchester United aus Protest gegen überteuerte Ticketpreise und mangelndes Mitspracherecht gleich einen eigenen Klub – der FC United of Manchester spielt mittlerweile in der sechsten Liga.  Oder der englische Fünftligist Ebbsfleet United FC, den fast 30.000 Fans gekauft haben. Sie „assistieren“ dem Trainer und bestimmen im Internet über Taktik und Mannschaftsaufstellung.

Aber reicht das, um eine Veränderung herbeizuführen? Eher nicht.  Für Fifa, DFB oder die Top-Vereine  macht es keinen Unterschied, ob Fans oder einfach nur zahlende Besucher das Geld in die Kassen spülen. Der  Graben im Fußball dürfte deshalb immer tiefer werden. Hier die glitzernde Unterhaltungskultur des Spitzenfußballs mit neuen Märkten in Asien und den USA, da die Traditionalisten, Antikapitalisten und Fußballromantiker.

Aber auch die meisten der leidenschaftlichen Fans werden weiter  ins Stadion pilgern und auf Dramen hoffen, auf Außergewöhnliches, auf die große Aschenputtel-Story. Diese Geschichten   halten die Illusion der Unberechenbarkeit am Leben. Sie überdecken, wie zementiert die Kräfteverhältnisse wirklich sind. Für die Fifa sind sie wahrscheinlich sogar  ein gern gesehener Fehler im System.

Die Fifa spielt dieses Spiel bravourös. Wie zum Beweis  brachte Gianni Infantino in dieser Woche einen aus jener fernen Zeit mit, als das heilige Spiel noch nicht nach Geld und Gier roch. Einer, der sich beim Underdog SSC Neapel einen Götterstatus erspielte, während sich die anderen Stars in den norditalienischen Luxusmetropolen vergnügten: Diego Maradona.

Keiner könnte  besser den Gegensatz zwischen der romantischen Fußball-Utopie  und der  düsteren Welt der Fifa  verkörpern. Der Argentinier wurde zum Helden des einfachen Volkes und dinierte  gleichzeitig bevorzugt mit Gestalten aus dem Umfeld der Mafia. Am Dienstag sagte Maradona, geradezu artig an der Seite des Präsidenten, an einer WM teilzunehmen gebe „den Kleinen Hoffnung“. Mit  den Großen der Vergangenheit Glaubwürdigkeit und Sympathie zu generieren, das gehört zur Fifa. Es war typisch Blatter, jetzt ist es Infantino. Wenig hat sich geändert seit diesem 26. Februar 2016 in Zürich. Oder gar gebessert.

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