Soziale Netzwerke: Gefangen in der Filterblase (RHP)

Die Rheinpfalz, 07. Januar 2017

Fake-News, Bots und Filterblasen: Macht uns das Netz wirklich zu willenlosen Schafen? Ein Plädoyer gegen den digitalen Pessimismus

Die Präsidentenwahl in den USA ist nicht lange her, und schon wurde eine Sau nach der anderen durchs digitale Dorf getrieben. Ursachenforschung soll das wohl sein – es gleicht aber eher der panischen Suche nach dem Grund einer Betriebsstörung. Ein Wahlergebnis als lästiger Defekt, schließlich hatte es zuvor doch immer so verlässlich funktioniert. Und wie immer, wenn sich  Politik und Medien von neuen Entwicklungen überrumpelt fühlen, kann es eigentlich nur einen Schuldigen geben: das Internet. Mal wieder.

Konkret las sich das dann so: Der sogenannte Filterblasen-Effekt von Facebooks Algorithmen hätte dafür gesorgt, dass die Nutzer nur noch Meinungen, Artikel und Nachrichten angezeigt bekommen hätten, die ihre eigene Weltsicht bestätigten. Gleichzeitig hätten Hundertausende Bots – kleine Programme, die sich als menschliche Nutzer tarnen – das digitale Stimmungsbild zugunsten Trumps massiv beeinflusst. Und  seriös wirkende Pseudo-Medienseiten streuten haufenweise gefälschte Nachrichten, die aus Gerüchten und Erfindungen Tatsachen werden ließen. Der Super-Gau war  ein Artikel im schweizerischen „Das Magazin“. Die Autoren zeichnen hier das Porträt einer geheimnisvollen Datenfirma, die angeblich beängstigend detaillierte Psychogramme von Millionen von US-Bürgern zur hyperindividualisierten Wahlwerbung für Trump genutzt haben soll.

Am besten lassen sich die daraus gezogenen Fehlschlüsse wohl am Beispiel der Filterblasen-Theorie verdeutlichen. Der US-amerikanische Internet-Aktivist Eli Pariser hat den Begriff mit seinem gleichnamigen Buch geprägt. Seiner Ansicht nach führten die Algorithmen hinter  Seiten wie Facebook dazu, dass den Nutzern nur noch Informationen angezeigt würden, die ihnen ohnehin gefallen. Wer also bestimmte Themen mit einem „Like“ versieht oder bestimmte Seiten abonniert, bekommt möglichst ähnliche Inhalte präsentiert. Bei Facebook läuft das unter dem Schlagwort „personalisieren“.

Für Pariser werden so Hamsterräder der andauernden Selbstbestätigung geschaffen. Ergebnis: Der Nutzer werde von anderslautenden Meinungen, Standpunkten oder Lebenswelten komplett abgeschottet und halte seine Überzeugungen für die einzig richtigen. Und schon hat man den perfekten Sündenbock gefunden, wenn es beispielsweise darum geht, zu erklären, warum manche Wählergruppen für bestimmte Argumente und Anliegen aus Politik und Gesellschaft nicht mehr zu erreichen sind. „Soziale Medien verschärfen die politische Spaltung“, hieß es beispielsweise bei „USA Today“.

All diese Phänomene sind in Teilen real. Wir werden uns natürlich  Gedanken darüber machen müssen, wie die Mechanismen der sozialen Medien uns möglicherweise beeinflussen. Oder wie persönliche Daten ausgenutzt werden können. Und  auch darüber, wie man mit der rasend schnellen Verbreitung von Falschmeldungen im Netz umgehen kann. Aber es ist schlicht zu einfach – und  ziemlich überheblich –, Wähler zu unmündigen Opfern des bösen Internets zu erklären. Indem man mit dem Finger wahlweise auf einzelne Personen wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder  auf abstrakte Systeme wie die sozialen Netzwerke zeigt, wird man dem Problem nicht gerecht. Im Gegenteil: Wenn wir der Technik die Schuld an unserem Verhalten zuschieben, entmündigen wir uns  selbst. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski bemerkt dazu ziemlich treffend: „Es ist kein technisches, sondern ein anthropologisches Problem.“ Denn die Filterblase ist nicht neu, sie ist kein Phänomen des digitalen Zeitalters, sondern  schon in der analogen Zeit Ergebnis eines nur allzu menschlichen Impulses: der Suche nach einer homogenen sozialen Identität.

Was das heißt? Nun, es ist doch so: Spätestens ab dem Berufseinstieg umgibt man sich mit einem Bekanntenkreis, der grob gesagt aus Leuten besteht, die einen ähnlichen soziokulturellen Hintergrund mitbringen – Alter, Bildung, Interessen, Arbeitsfeld. Dazu kauft man  vielleicht noch eine Zeitung, die zum eigenen Selbstverständnis passt. Natürlich kennt jeder auch ein paar Milieufremde. Für die eigene Prägung sind solche Bekannten aber eher selten relevant. Am Tisch beim Rotwein, in der Stammkneipe, beim Kicken mit den Kumpeln oder beim Kaffeekränzchen sind die nämlich eher nicht dabei. Und hier findet doch hauptsächlich die eigene  Meinungsbildung statt.

Der US-amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger hat das schon in den 1950er Jahren  beschrieben. Laut seiner Theorie der kognitiven Dissonanz geht es uns vor allem darum, Widersprüche in unserer Wahrnehmung glattzubügeln. Die darauf aufbauenden Konsistenztheorien haben immer wieder gezeigt, dass Menschen Informationen selektiv aufnehmen. Und zwar so, dass sie bestehende Einstellungen vor allem bestärken.  Man könnte also sagen: Die erste Filterblase ist bereits im Kopf.

Allem Pessimismus zum Trotz wäre also eine ganz andere Schlussfolgerung naheliegend. Soziale Netzwerke haben sogar dazu beigetragen, ein kleines Loch in unsere Blasen zu reißen. In den Kommentarspalten treffen wir auf Meinungen, die uns im analogen Zeitalter oft verborgen blieben – bestenfalls hatte man eine Ahnung davon. Konfrontiert wurde man damit aber nur selten. Auf den ersten Blick mag das eine bisher ungekannte Polarisierung bewirken, auf den zweiten steckt hier aber eine nicht zu unterschätzende Chance. Wen es nämlich wirklich interessiert, der findet so Einblicke in Milieus, die ihm zuvor verschlossen blieben. Die müssen einem ja nicht gefallen.

Gerade die Politik muss hier aber vielleicht einfach anerkennen, dass ihre Annahmen über Probleme, Sorgen und Weltbilder einzelner Wählergruppen bisher entweder idealisiert oder schlichtweg falsch waren.

Was die sozialen Netzwerke zu Tage fördern, ist  ein Einblick in die Meinungsvielfalt einer Gesellschaft. Ungeschönt und ziemlich heftig bisweilen. Und natürlich nutzen manche Positionen die neuen Plattformen stärker und effizienter aus, während andere sich noch  in die Behaglichkeit ihrer analogen Filterblase zurückträumen. Aber diese Zeiten sind vorbei.   Damit umzugehen, muss man  lernen.

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