Warum niedrige Honorare den Journalismus kaputtmachen

Wenn es um niedrige Honorare für freie Autor*innen geht, teilt sich die Branche wie selbstverständlich in zwei Lager: Hier die prekären Freiberufler*innen, dort die Redaktionen und Verlage. Dabei schaden mickrige Zeilensätze und Pauschalen letztlich dem gesamten Journalismus.  

Eines der erschreckendsten Beispiele für die zunehmende Selbstausbeutung freier Journalisten versteckte sich zuletzt eher unauffällig zwischen den Zeilen einer ganz anderen Geschichte. Nachdem nämlich der Reporter Raphael Thelen für seine Story über den AfD-Abgeordneten Markus Frohnmaier heftigst angegangen worden war, sprach er darüber mit Stefan Niggemeier von Übermedien. Es geht in dem Interview natürlich vor allem über die Vorwürfe, Thelen habe sich als Steigbügelhalter den Rechten angedient – das wirklich Überraschende schreibt aber Niggemeier selbst in einem Einschub:  

Der Artikel war schon vor dem Shitstorm ein Alptraum. Rund vier Monate habe er daran geschrieben, sagt Thelen, mit immer neuen Redigier-Schleifen mit dem „SZ-Magazin“. Monate, in denen er nichts anderes machte. Er habe seine Ersparnisse aufgebraucht für diese Geschichte.

Man kann sich die Schilderung dieses Auftragsverhältnisses immer wieder durchlesen – und will es doch nicht fassen. Da opfert sich ein Freiberufler vier (!) Monate für eine Story in einer absoluten Top-Publikation auf und geht fast finanziell daran zugrunde. Daran ist so viel falsch, man möchte wirklich in den Bildschirm beißen. 

Man muss sich dabei immer zwei Dinge vor Augen halten: 1) Thelen ist kein Einsteiger, sondern ein profilierter Autor, der ausschließlich große Geschichten für renommierte Medien schreibt. 2) Das SZ-Magazin ist kein Heftchen, sondern einer der publizistischen Leuchttürme im Land. Das Problem ist jetzt: Während die Redaktion aus Punkt 2 offenbar ganz selbstverständlich einen extrem hohen Qualitätsstandard ableitet, der dafür sorgt, dass Thelen vier Monate mit Korrekturschleifen zubringt, kommt offenbar niemand auf die Idee, aus Punkt 1 und 2 eine entsprechend hohe Vergütung abzuleiten. (Anmerkung: Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass Thelen nach Eingang der SZ-Zahlung dann wieder ein gemachter Mann war – allein, es fällt mir schwer zu glauben, dass jemals ein Honorar gezahlt wurde, mit dem vier Monate exklusive Arbeit abgedeckt würden.)

Eigentlich steckt in diesen wenigen Zeilen das ganze Dilemma dieser Branche: Freiberuflicher Journalismus verkommt zunehmend zu einem exzentrischen Hobby, ausgeübt entweder von besonders privilegierten oder besonders idealistischen Menschen. Die Mechanismen dahinter hat Jacob Silverman jüngst für The New Republic derart pointiert aufgeschrieben, dass es eigentlich keinerlei Anmerkung braucht. Der Text trifft weitgehend deckungsgleich auch auf Deutschland zu, die Lektüre lohnt sich unbedingt.

Ohne Anreize entsteht schlechte Arbeit

Bevor jetzt das Totschlagargument „Es wird ja niemand dazu gezwungen“ kommt: Das hier soll überhaupt keine weitere Beschwerde aus Sicht eines Freelancers werden. Tatsächlich wird niemand dazu gezwungen und die Geilheit auf Ruhm und eine Autorenzeile spielt vielen Redaktionen auch in die Hände. Das Problem ist allerdings: Hier schneidet sich die gesamte Branche ins eigene Fleisch. Extra tief. Und schaut dabei auch noch hin. 

Denn was passiert mit einem Qualitätsjournalismus, der ja zunehmend auf Inhalten freier Autoren und Autorinnen fußt? Sind diese Freiberufler*innen wirklich so idealistisch, so privilegiert oder gar so eitel, dass sie dauerhaft hochqualitative Inhalte liefern, ohne dafür entsprechend entlohnt zu werden? 

Die Antwort lautet natürlich: Nein. Der Journalismus wird so einfach immer schlechter. Silvermann schreibt dazu: 

„It’s worth asking what this dynamic does to journalism—the stories untold, the investigations never performed because a shift behind the bar pays better or because the publication won’t pay for a train ticket.“ 

Zu den niemals geschriebenen Texten und aufgegebenen Recherchen kommen dann aber auch oberflächlich recherchierte Texte, weil jede weitere Studie, jedes weitere Recherchegespräch letztlich ein aus eigener Tasche bezahlter Bonus wäre. Finanzielle Unsicherheit fördert Zuspitzungen, damit eine weitere Story möglichst reibungslos durch den Pitch flutscht. Und es entstehen Copycat- und Trittbrettfahrer-Stories, weil der zeitliche Aufwand für das Finden und Entwickeln einer eigenen Geschichte später nicht bezahlt wird. 

Die Logik dahinter basiert einfach auf einer fundamentalen Erkenntnis zum Wesen des Menschen. Denn wer keine attraktiven Anreize hat, liefert irgendwann schlechtere Arbeit ab. (Der Anreiz „Soziales Prestige“ nutzt sich bei den meisten zu schnell ab, als dass er eine angemessene finanzielle Honorierung ersetzen könnte.)

Dass dieses System solchen Dynamiken dennoch weiter trotzt, liegt ausschließlich am unglaublichen Berufsethos, Stolz und Idealismus der meisten Freiberufler*innen, die sich trotz absurder Entlohnungen immer wieder – aber oft genug auch nicht – der Schludrigkeit widersetzen. Im überregionalen Journalismus gelingt das vielleicht noch etwas häufiger. Im Lokalen dagegen, wo man noch einmal stärker auf freie Mitarbeiter angewiesen ist, spiegeln die mangelnde Qualifikation dieser Autoren und die Entstehungsgeschichte vieler Texte bereits knallhart das Honorarniveau wider. 

Die Quittung dafür landet in Form sinkender Auflagen, Richtigstellungen und enttäuschter Leserbriefe jeden Tag auf den Tischen von Chefredakteuren und Verlagsleitern.

Es gehört also zu den größten Scheinheiligkeiten dieser Branche, dass einerseits mit gespieltem Staunen der ständige Vertrauensverlust bejammert wird und es immer wieder heißt, man brauche mehr Recherche, während andererseits ein Großteil der Inhalte auf Mindestlohnbasis erstellt wird. Hartnäckig wird ein Zusammenhang zwischen Honorar und inhaltlicher Qualität geleugnet. Silverman hat für diese Ignoranz nur eine Eklärung:

They serve the whims of capital, which (…) seems to be focused on extracting whatever last profits it can before leaving the news industry’s desiccated corpse by the roadside.

Letztlich ist das vor allem traurig für jeden, der den Journalismus liebt. Vollkommen egal, ob Redakteur*in oder Freelancer. 

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